Lange Zeit galten sie als „No-Go“ in jedem ethisch orientierten Portfolio: Rüstungsaktien. Doch die geopolitische Weltlage hat sich in den letzten Jahren fundamental gewandelt. Verteidigungsunternehmen sind vom moralischen Abseits in den Fokus der Finanzmärkte gerückt. Nach beeindruckenden Kursrallyes fragen sich nun viele Anleger: Ist der Zug bereits abgefahren, oder stehen wir erst am Anfang eines langfristigen Super-Zyklus? Finanzreport.com analysiert die Chancen, Risiken und die Bewertung des Sektors.

Die Geschichte der Rüstungsaktien in den jüngsten Jahren ist die Geschichte einer Neubewertung. Wurden Unternehmen aus dem Verteidigungssektor früher oft mit Abschlägen gehandelt, weil sie nicht den ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) vieler Fonds entsprachen, so werden sie heute als Garanten der Sicherheit und damit als Basis für nachhaltiges Wirtschaften angesehen. Doch nach Vervielfachungen im Kurs bei Werten wie Rheinmetall, Hensoldt oder Saab ist die Skepsis gewachsen. Ist das aktuelle Niveau noch gesund?

Die fundamentale Lage bei Rüstungsaktien: Der “Peace Dividend” ist aufgebraucht

Um zu beurteilen, ob ein Einstieg noch lohnt, muss man den makroökonomischen Treiber verstehen. Über Jahrzehnte hinweg profitierten westliche Industrienationen von der sogenannten „Friedensdividende“. Verteidigungsbudgets wurden gekürzt, Armeen verkleinert. Dieser Trend hat sich nun nicht nur umgekehrt, er hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Experten sprechen von einem strukturellen Nachfrageüberhang, der voraussichtlich noch das gesamte Jahrzehnt anhalten wird. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht an tagesaktuelle Schlagzeilen gebunden:

  1. Nachfüllen der Lagerbestände: Die massive materielle Unterstützung in Konfliktgebieten hat die Bestände westlicher Armeen auf ein kritisches Niveau gesenkt. Es wird Jahre dauern, allein den Status quo ante wiederherzustellen.
  2. NATO-Ziele als Untergrenze: Das 2-Prozent-Ziel der NATO (2 % des BIP für Verteidigung) wird von den meisten Mitgliedsstaaten nicht mehr als fernes Ziel, sondern als absolute Untergrenze betrachtet. Länder wie Polen oder die baltischen Staaten visieren bereits 3 bis 4 Prozent an.
  3. Modernisierungsstau: Vieles an Grossgerät stammt aus den 80er und 90er Jahren. Der Ersatzbedarf ist unabhängig von akuten Krisen gewaltig.

Für Anleger bedeutet das: Die Auftragsbücher (Order Backlogs) der grossen Rüstungskonzerne sind so voll wie nie zuvor. Viele Unternehmen haben eine Umsatzsichtbarkeit, die weit in die Zukunft reicht – ein Merkmal, das Investoren in unsicheren wirtschaftlichen Zeiten besonders schätzen.

Bewertung: Teuer oder gerechtfertigt?

Ein Blick auf die Bewertungskennzahlen zeigt, dass die Zeiten der “Schnäppchen” vorbei sind. Während viele Rüstungstitel vor der grossen Wende mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10 bis 12 gehandelt wurden, liegen die Bewertungen bei den europäischen Highflyern mittlerweile oft deutlich über 20, teils sogar nahe 30. Bei US-Schwergewichten wie Lockheed Martin oder General Dynamics hat sich die Bewertung ebenfalls ausgeweitet, wenn auch moderater.

Ist das zu teuer? Nicht zwingend. An der Börse wird Zukunft gehandelt. Wenn ein Unternehmen seinen Gewinn pro Aktie (EPS) jährlich um 15 bis 20 Prozent steigern kann, ist ein höheres KGV gerechtfertigt. Man spricht hier vom „PEG-Ratio“ (Price/Earnings-to-Growth). Solange das Wachstum der Gewinne mit den Kursen Schritt hält, ist die Bewertung nicht überhitzt. Dennoch: Das Risiko von Rückschlägen (Drawdowns) steigt mit der Bewertungshöhe. Enttäuscht ein Unternehmen bei den Quartalszahlen oder verzögern sich Grossaufträge, sind empfindliche Korrekturen möglich. Der „Easy Money“-Phase, in der man einfach irgendeinen Rüstungswert kaufen konnte und dieser stieg, folgt nun die Phase der Selektion (Stock Picking).

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Defense 2.0: Der technologische Wandel als Kurstreiber

Wer heute in Rüstung investiert, sollte nicht nur an Panzer und Artillerie denken. Der Sektor durchläuft eine massive technologische Transformation. Die Konflikte der Gegenwart und Zukunft werden zunehmend durch Drohnen, KI-gestützte Aufklärung, Cyber-Abwehr und Weltraum-Technologie entschieden. Hier ergeben sich neue Investment-Thesen:

  • Elektronische Kampfführung: Unternehmen wie Hensoldt oder Thales, die auf Sensoren, Radare und Störsender spezialisiert sind, profitieren überproportional, da jede Plattform (ob Schiff, Panzer oder Flugzeug) immer mehr Elektronik benötigt.
  • KI und Big Data: Klassische Tech-Firmen wie Palantir sind längst tief im Verteidigungssektor verwurzelt. Sie liefern die Software, um die Datenflut auf dem Schlachtfeld zu analysieren.
  • Autonome Systeme: Der Trend geht weg von wenigen, extrem teuren Plattformen hin zu vielen, günstigen und vernetzten Einheiten (Drohnenschwärme). Hersteller, die hier skalierbare Lösungen anbieten, dürften die Gewinner der nächsten Jahre sein.

Geopolitik und ESG: Die Risikofaktoren

Keine Analyse ohne Risikobetrachtung. Wer jetzt einsteigt, muss sich zweier Hauptgefahren bewusst sein:

  1. Politische Börsen haben kurze Beine: Zwar ist der Aufrüstungstrend langfristig, doch kurzfristige politische Entscheidungen – etwa Waffenstillstandsverhandlungen oder Regierungswechsel in den USA – können zu heftigen Gewinnmitnahmen führen. Ein “Friedens-Dip” an der Börse ist jederzeit möglich, auch wenn er fundamental an den langfristigen Beschaffungsprogrammen wenig ändert.
  2. Lieferketten und Margen: Die Auftragsbücher sind voll, aber können die Firmen auch liefern? Fachkräftemangel, teure Rohstoffe und Engpässe bei Vorprodukten können auf die Margen drücken. Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Anleger sollten genau hinschauen, welche Unternehmen ihre Produktion (“Ramp-up”) reibungslos skalieren können.

Auch das Thema ESG bleibt spannend. Zwar haben viele Fonds ihre Statuten aufgeweicht, um Rüstung zu inkludieren (“Sicherheit als Voraussetzung für Nachhaltigkeit”), doch es gibt weiterhin grosse Kapitalsammelstellen (z.B. Kirchenbanken, bestimmte Pensionskassen), die den Sektor meiden. Das begrenzt potenziell den Zufluss an neuem Kapital.

Europa vs. USA: Wo liegt das Potenzial?

Für Anleger stellt sich die Frage: Europa oder USA?

  • USA (Lockheed Martin, RTX, Northrop Grumman): Der US-Markt ist reifer. Die Unternehmen sind gigantisch, zahlen verlässliche Dividenden und sind oft weniger volatil. Sie sind das “Basis-Investment”. Allerdings ist das Wachstumspotenzial oft geringer, da das US-Budget bereits auf extrem hohem Niveau ist.
  • Europa (Rheinmetall, Leonardo, BAE Systems): Hier ist der Nachholbedarf am grössten. Europäische Staaten müssen ihre Ausgaben massiver steigern, um Versäumtes nachzuholen. Das bietet höhere Wachstumsfantasie, geht aber mit höheren politischen Risiken einher, da die europäische Beschaffungspolitik oft fragmentiert und bürokratisch ist.

Fazit: Lohnt sich der Einstieg noch?

Die Antwort ist ein differenziertes Ja, aber… Der Sektor befindet sich in einem Super-Zyklus, der wahrscheinlich noch Jahre andauern wird. Die vollen Auftragsbücher garantieren Umsätze bis weit in die zweite Hälfte des Jahrzehnts. Daher gehören Rüstungsaktien – rein rational betrachtet – als stabilisierender Faktor (Diversifikation) in ein breites Depot. Strategie für den Einstieg: Wer noch gar nicht investiert ist, sollte nicht „All-In“ gehen. Die Kurse sind weit gelaufen. Es empfiehlt sich, über einen Sparplan oder in Tranchen einzusteigen. Nutzen Sie Rücksetzer von 10 bis 15 Prozent, die in diesem volatilen Sektor immer wieder vorkommen, als Kaufgelegenheit („Buy the Dip“). Für bereits investierte Anleger gilt: Gewinne laufen lassen, aber Teilverkäufe in Erwägung ziehen, um das ursprüngliche Risiko herauszunehmen (Rebalancing), falls die Position im Depot zu übergewichtet ist. Rüstungsaktien sind kein kurzfristiger Zock mehr, sondern ein Sektor, der sich von der Zyklik gelöst hat und zu einer neuen Normalität gefunden hat. Wer Geduld und starke Nerven mitbringt, findet hier auch auf dem aktuellen Niveau noch attraktive Chancen – insbesondere bei den “Schaufelverkäufern” der Branche, also den Zulieferern von Elektronik und Technologie.

Kurz-Übersicht: Das sollten Sie beachten

  • Zeithorizont: Planen Sie langfristig (3-5 Jahre+). Aufrüstung ist ein Marathon, kein Sprint.
  • Diversifikation: Setzen Sie nicht nur auf einen deutschen Panzerbauer. Ein Mix aus US-Systemintegratoren, europäischer Landtechnik und Verteidigungselektronik streut das Risiko.
  • ETFs: Wem die Auswahl von Einzelaktien zu heikel ist, der greift zu thematischen ETFs (z.B. auf den „Future of Defence“ oder allgemeine „Aerospace & Defense“ Indizes). Diese bieten eine breite Streuung über Länder und Währungen hinweg.

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Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Wertpapiergeschäfte sind mit Risiken verbunden.